Victor Adler

Auf den aus Böhmen stammenden Victor Adler (1852-1918) geht die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich im Jahr 1896 zurück. Er war maßgeblich für die, auch über seinen Tod hinaus, fortbestehenden Einheit der österreichischen Sozialdemokratie verantwortlich.

Seine Privatbibliothek wurde Anfang der 1920er Jahre von der Sozialwissenschaftlichen Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien erworben. Die Arbeiterkammer und deren Bibliothek löste man in den Jahren der Nationalsozialistischen Diktatur (1938-1945) auf. Die nach 1945 neugegründete Bibliothek konnte von ihren ehemals 140.000 Bänden lediglich noch 30.000 Bände sicherstellen.

Nach derzeitigem Projektstand befinden sich in der SLUB Dresden 2 Bücher aus der Privatbibliothek von Victor Adler.

Beschlagnahmte Schriften

In der ehemaligen Sächsischen Landesbibliothek (SLB, heute SLUB) sind laut Zugangsbüchern in den Jahren 1934 bis 1937 zahlreiche Bücher mit dem Herkunftsvermerk „beschlagnahmte marxistische Schriften“ oder „kommunistische und marxistische Schriften“ als Geschenke inventarisiert worden. Die Anzahl der übernommenen Bände ließ sich anhand der Zugangsbücher nicht ermitteln. Im Rahmen einer von der AfP geförderten systematischen Recherche von Oktober 2011 bis März 2013 konnten noch etwa 150 Druckschriften aus diesen Zugängen ermittelt werden. Die wenigen noch verbliebenen Bücher waren infolge der Bombardierungen Dresdens so stark beschädigt, dass sie fast ausnahmslos neu gebunden werden mussten, wodurch gegebenenfalls noch vorhandene Provenienzmerkmale zumeist verloren gingen.

Von der Gestapo überwiesene Bücher

In der ehemaligen Sächsischen Landesbibliothek (SLB, heute SLUB) sind laut Zugangsbüchern zwischen November 1940 und September 1943 insgesamt 1.402 Bücher mit dem Herkunftsvermerk „von der Gestapo überwiesen“ inventarisiert worden. Der überwiegende Teil dieser Bücher ist 1945 infolge der Bombardierungen Dresdens verbrannt. Im Rahmen einer von der AfP geförderten systematischen Recherche von Oktober 2011 bis März 2013 konnten noch etwa 200 Druckschriften aus diesen Zugängen ermittelt werden. Die wenigen noch verbliebenen Bücher waren so stark beschädigt, dass sie fast ausnahmslos neu gebunden werden mussten, wodurch gegebenenfalls noch vorhandene Besitzspuren zumeist verloren gingen.

Paul Hinrichsen

Paul Hinrichsen (1912-1943), als vierter Sohn von Henri Hinrichsen (1868-1942), dem Inhaber des Leipziger Musikverlags C. F. Peters  geboren, besaß eine hochrangige Autographensammlung. Diese wurde 1943, nachdem sein Besitz 1938 beschlagnahmt worden war, durch das Leipziger Antiquariat Hans Klemm an die Sächsische Landesbibliothek verkauft. Paul Hinrichsen starb 1943 im KZ Auschwitz. Die Sammlung kehrte 2003 in den Besitz der Familie Hinrichsen zurück.  

Fernand Raoul Jellinek-Mercedes

Der ab 1938 in Baden bei Wien lebende Musikliebhaber und Förderer des Wiener Musikvereins Dr. Fernand Raoul Jellinek-Mercedes (1883-1939) besaß neben einer umfangreiche Musikaliensammlung (diese befindet sich heute in der Stadtbibliothek Essen) und einer Gemäldesammlung auch eine bemerkenswerte Bibliothek. Sein Vermögen wurde 1938 von den Nationalsozialisten als „jüdisch“ eingestuft. Er war daraufhin gezwungen, sein Privatvermögen zu veräußern. Dabei gerieten auch seine wertvollen Bibliotheksbestände über Notverkäufe an Buchhändler bzw. an Antiquariate. Im Frühjahr 1939 hielt Jellinek-Mercedes den Repressalien nicht mehr stand und wählte den Freitod.

Bisher konnten 3 Bücher mit dem Exlibris von Fernand Raoul Jellinek-Mercedes in den Beständen der SLUB nachgewiesen werden.

Viktor von Klemperer

Der Bankier und langjährige Leiter des Stammhauses der Dresdner Bank in Dresden, Viktor von Klemperer, Edler von Klemenau (1876-1943), der nicht mit dem Romanisten Victor Klemperer verwandt war, besaß eine erlesene Kunstsammlung, die aus Porzellan, Gemälden, Plastiken sowie Büchern bestand. Seine Sammlung wurde nach seiner Emigration  im Jahr 1938 beschlagnahmt. In die Sächsische Landesbibliothek gelangten vor Ende des Krieges 13 Handschriften, 549 Inkunabeln und 510 bibliophile Drucke. Aus den Ausweichlagern kehrten nach Mai 1945 lediglich 12 Inkunabeln zurück. Mit den 1958 erfolgten teilweisen Rückgaben von Bibliotheksbeständen aus der Sowjetunion wuchs der Bestand des Depositums auf 295 Werke an, die 1991 an die Erben übergeben wurden.

Engelbert Pernerstorfer

Der österreichische Politiker und Journalist Engelbert Pernerstorfer (1850-1918) war ab 1896 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich und von 1901 bis zu seinem Tod Reichsratsabgeordneter. Zu Beginn der 1920er Jahre gelangte seine Privatbibliothek in die Sozialwissenschaftliche Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien, die während der Nationalsozialistischen Diktatur in Österreich (1938-1945) aufgelöst wurde. Nach der Neugründung im Jahr 1945 wurden von vor dem Jahr 1938 vorhandenen 140.000 Bänden lediglich 30.000 wiederaufgefunden.

Bisher konnten im Bestand der SLUB Dresden 3 Bücher aus der Privatbibliothek Pernerstorfers ermittelt werden.

1943 inventarisierte Bücher polnischer Provenienz

Besitzvermerk Bielewicz
Besitzvermerk Bielewicz

Im Zugangsbuch des Jahres 1943 der damaligen Sächsischen Landesbibliothek (SLB, heute SLUB) findet sich folgender Zugang bei den Antiquaria: „[306] Bücher, hauptsächlich in polnischer Sprache“. Lieferant war die Dresdner Verlagsbuchhandlung Focken & Oltmanns. Im Rahmen der systematischen Recherche konnten noch etwa 110 Bücher dieses Zugangs ermittelt werden. In einem Teil der Bücher finden sich Provenienzmerkmale, die nach bisherigem Stand der Recherchen auf den Danziger Rechtsanwalt Marian Bielewicz (1860-nach 1938) hinweisen.

Familie Steinthal

Die Buchbestände der jüdischen Familie von Max und Fanny Steinthal wurden neben anderem Besitz von ihrem arischen Schwiegersohn Richard Vollmann zu Beginn der schweren Luftangriffe auf Berlin nach Dresden verbracht. Vollmann – die Ehe mit seiner Frau Eva Vollmann, geb. Steinthal, wurde noch während des Krieges geschieden – flüchtete zu Beginn der 1950er in die Bundesrepublik. Das Eigentum der Familie Steinthal wurde ebenso wie Vollmanns Besitztümer beschlagnahmt. Über städtische Stellen gelangten die Bücher schließlich in die Sächsische Landesbibliothek. Es sind insgesamt 115 Bücher übergeben worden, die aus dem Besitz der Familie von Max und Fanny Steinthal sowie dem ihrer Kinder Erich, Daisy und Eva stammen.  

Max Steinthal (1850-1940) war von 1873 bis 1905 Direktor der Deutschen Bank und von 1905 bis 1935 im Aufsichtsrat des Kreditinstituts tätig. Neben diesem verlor er aufgrund seiner jüdischen Herkunft auch alle anderen Aufsichtsratsposten. Max Steinthal starb in einem Berliner Hotel, in dem er auf seine Ausreise aus Deutschland wartete. Er besaß eine wertvolle Kunstsammlung, bei der ihn der Direktor des Berliner Kaiser-Friedrich-Museums, Wilhelm von Bode (1845-1929), beriet. Das einzige Buch aus seinem Besitz, es trägt Initialen von Max Steinthal auf dem Einband, ist ein unikaler Katalog jener Kunstsammlung.

Max Steinthal (1850-1940); Provenienzmerkmal: Stempel; Umschrift: 'M St'

 

Fanny Steinthal (1866-1941), geb. Lindenthal, heiratete 1889 Max Steinthal. Auch sie widmete sich dem Sammeln von Kunst, insbesondere von Miniaturen. Fanny Steinthal verstarb wie ihr Mann auf die Ausreise wartend in einem Berliner Hotel. Ein Buch, das ihren Besitzstempel trägt, konnte ermittelt werden.

Fanny Steinthal (1866-1941); Provenienzmerkmal: Stempel; Umschrift: 'Frau F. Steinthal / Uhlandstr. 191 / Charlottenburg'

 

Erich Steinthal (1890-1963), war Buchverleger und Mitglied in verschiedenen bibliophilen Vereinigungen. Er konnte 1944 nach Schweden emigrieren. Über zwanzig Bücher, die aus seiner hochwertigen Bibliothek stammen, konnten nachgewiesen werden.

Erich Steinthal (1890-1963); Provenienzmerkmal: Exlibris; Umschrift: 'Erich Steinthal / Ex Libris'

 

Daisy Steinthal (1891-1980) war das zweitälteste Kind von insgesamt sieben Kindern. Sie floh 1939 aus Deutschland. Zwei Bücher tragen ein Autogramm bzw. einen Stempel mit ihrem Namen.

Margarete Daisy Lea Hemmes (1891-1980); Provenienzmerkmal: Autogramm; Umschrift: 'Daisy Steinthal 1910'

Margarete Daisy Lea Hemmes (1891-1980); Provenienzmerkmal: Stempel; Umschrift: 'Daisy Steinthal'

 

Eva Vollmann (1892-1993), geb. Steinthal, emigrierte 1939 nach Peru. In über fünfzig Büchern befinden sich Merkmale, die ihr Eigentum belegen.

 Eva Karola Vollmann (1892-1993); Provenienzmerkmal: Autogramm; Umschrift: 'Eva Vollmann'

Eva Karola Vollmann (1892-1993); Provenienzmerkmal: Stempel; Umschrift: 'Eva Steinthal'

Eva Karola Vollmann ( 1892–1993); Provenienzmerkmal: Exlibris; Umschrift: 'Eva Steinthal'

Sigmund Waldes

Der in Böhmen in eine jüdische Familie geborene Sigmund Waldes (1877-1961) leitete nach seinem Eintritt in die metallverarbeitende Firma seines Bruders Heinrich Waldes (1876-1941) die Dresdner Filiale der international tätigen Waldes-Werke. Er entkam dem nationalsozialistischen Terror, indem er im Jahr 1938 unter Zurücklassung seiner Besitztümer in Dresden über England in die USA emigrierte. Ein Jahr später wurden die Unternehmenszweige von Waldes & Co. in Böhmen und Sachsen arisiert. Die 1941 erfolgte Übernahme der privaten Büchersammlung von Sigmund Waldes, sie umfasste vor allem bibliophile Ausgaben des 19. und 20. Jahrhunderts, geschah aufgrund der Sachverständigentätigkeit des damaligen Direktors der Sächsischen Landesbibliothek bei Maßnahmen zum Schutz deutschen Kulturgutes vor Abwanderung im Bereich der Devisenstellen Chemnitz und Dresden. Der in Dresden nach dem Krieg noch vorhandene Bestand von 159 Büchern wurde zunächst unter der Rubrik Fundmeldungen in die Lost Art Internet-Datenbank gestellt und konnte im März 2013 an die Erben zurückgegeben werden, siehe dazu auch den Artikel im BIS-Magazin