Bücher von George Meyer – einem vergessen gemachten Pionier der Notfallmedizin und des Rettungswesens – gefunden

Beim Auffinden des Exlibris eines Dr. med. George Meyer in zwei Büchern im SLUB-Bestand konnte man noch nicht ahnen, dass es sich dabei um einen bedeutenden Arzt handelte, dessen Verdienste und Existenz die Nazis auslöschen wollten. Vor allem ließen das charakteristische „e“ in George und das „med.“ als Kennzeichnung der Fachdisziplin darauf hoffen, dass trotz des recht verbreiteten Namens Meyer eine Identifizierung möglich sein würde. Die beigefügten Motive des Totenschädels, der beschrifteten Arzneimittel und Tinkturen auf Tisch und Regal deuten auf eine medizinische Tätigkeit hin.

Exlibris von George Meyer

Dank eines Online-Artikels im Berliner Kurier und vor allem der umfangreichen Publikation zu George Meyer und seiner Verdienste von Peter Voswinckel, in welchem die Privatbibliothek und das Exlibris benannt sind, gestaltete sich die Zuordnung als vergleichsweise einfach.

Mit seinen Eltern Jakob Lewin Meyer (1821-1886) und Henriette Meyer, geb. Trietsch (1823-1904) und Schwester Alice Eugene Meyer (1858-1936) lebte George Meyer in Berlin. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Pauline, geb. Croner (1866-1935), hatte George Meyer zwei Kinder. Ihr Sohn Ernst John (1892-1918) starb als Assistenzarzt im Ersten Weltkrieg in Frankreich; Tochter Charlotte (1898-1984) war als leitende Fürsorgerin am Kriminalgericht Moabit bis zu ihrer zwangsweisen Versetzung in den Ruhestand 1933 tätig. Ihr gelang 1937 die Emigration nach Großbritannien.

George Meyer (Quelle: DGHO-Archiv Berlin)

1883 beendete George Meyer mit seiner ärztlichen Staatsprüfung das Medizinstudium. 1884 eröffnete er seine eigene Praxis. Rettungswesen, Krankenpflege und Krebsforschung – in allen drei Bereichen war Dr. George Meyer wesentlich an der Begründung, Professionalisierung oder dem Ausbau beteiligt. Federführend bewirkte er beispielsweise die Einrichtung einer Rettungszentrale in Berlin, sodass ein schneller und organisierter Transport der Patienten mit Hilfe neuer Telekommunikation möglich wurde. Und trotz dieser Verdienste scheint der Name George Meyers seit 1933 in den wenigsten Fällen in entsprechenden Publikationen auf: Da er jüdischen Glaubens war, versuchten die Nazis seinen Namen und Hinweise auf seine Leistungen flächendeckend zu tilgen.

Titelblatt aus George Meyers Buch „Das Rettungs- und Krankenbeförderungswesen im Deutschen Reiche

Das Negieren George Meyers und seiner Verdienste, die Verfolgung und Emigration seiner Tochter Charlotte und die Beschlagnahmung und -versteigerung des Familienbesitzes ließen bei den Büchern mit dem Exlibris George Meyers auf eine Vergangenheit mit unrechtmäßigem Entzug vermuten. Insofern bedurfte es der Klärung, welche Wege die Privatbibliothek gegangen war.

George Meyer sammelte vor allem medizinische Literatur, Abbildungen, Stiche und behördliche Originalverordnungen. Seine Bücher kennzeichnete er durch das Exlibris, das sich auch in den beiden Büchern in der SLUB befindet. Gestaltet wurde es von Paul Voigt (1859-1924), dem Grafiker und Abteilungsleiter der Reichsdruckerei. Häufig sind die Titel aus dem 19. und 20. Jahrhundert in einem braunroten Halbgewebeeinband mit Bezug aus Musterpapier gebunden, außerdem finden sich dabei ein gold-geprägte Rückentitel und Ornamente sowie teilweise originale Standnummern. Zwar erfasste George Meyer seine medizinhistorische Bibliothek mittels eines Loseblatt-Kataloges, dieser ist jedoch nicht mehr erhalten; vermutlich befand er sich unter dem 1941 beschlagnahmten und versteigerten Familienbesitz. Das Aktenmaterial der Institutsbibliothek für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften Berlin belegt, dass die Privatbibliothek Meyers 1929 den Gründungsbestand für erstere bildete. Somit waren die weiteren Stationen der Privatbibliothek mit der der Institutsbibliothek identisch. Letztere wurde 1944 u. a. nach Schloss Elvershagen bei Stargad (Pommern) ausgelagert, wobei die Bestände nach Kriegsende nach Leningrad (heutiges St. Petersburg) gelangten und 1956 restituiert wurden. Ein Teil verblieb in Polen und landete später im Antiquariatshandel. In den 1970er und 1980er Jahren gab die Zweigbibliothek Wissenschaftsgeschichte an der Zentralen Universitätsbibliothek, die damalige Nachfolgerin der Institutsbibliothek, Dubletten an die Zentralstelle für wissenschaftliche Altbestände (ZwA) ab. Darunter befanden sich ebenfalls Exemplare mit der Provenienz George Meyers. Die ZwA war eine der Einrichtungen in der DDR, die Bücher (u.a. welche, die als „herrenlos“ galten) an vor allem wissenschaftliche Bibliotheken verteilte, sodass kriegsbedingte Lücken aufgefüllt werden konnten.

Im Exemplar „Die heutige Grundlage der Deutschen Wehrkraft“ von Brentano und Kuczynski lassen die enthaltenen Merkmale – Widmung und Exlibris – vermuten, dass der Co-Autor Robert Kuczynski George Meyer das Buch schenkte.

Die Karten im Standortkatalog der Sächsischen Landesbibliothek (SLB) benennen die Art des Zugangs und in vielen Fällen auch die Provenienz. Für die zwei Bücher, in denen sich das Exlibris George Meyers befindet, ist „G“ für Geschenk und die ZwA als Zulieferer vermerkt. Dank der Unterstützung der Kollegin Regine Dehnel an der Staatsbibliothek Berlin, die derzeit im Provenienzprojekt zur ZwA arbeitet, wissen wir, dass beide Bücher 1987 an die SLB abgegeben wurden. Die Inventarnummern „1990.02.19“ und „1990.03.19“ in den Büchern zeigen an, dass sie 1990 inventarisiert wurden.

Aufgrund dessen lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit vermuten, dass es sich bei diesen beiden Büchern um ausgesonderte Dubletten der 1970er und 1980er handelt und somit kein Verdacht auf NS-Raubgut besteht.

Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum an der Humboldt-Universität Berlin ist die Nachfolgereinrichtung der damaligen Institutsbibliothek, in der heute die Bibliothek George Meyers gesondert als ein Teil der Historischen Sammlungen aufgestellt ist und eingesehen werden kann.

weiterführende Literatur:

Peter Voswinckel: Das verschüttete Antlitz des Generalsekretärs: Spurensuche als posthume Würdigung von Prof. George Meyer (1860-1923). Zugleich ein medizinhistorisches Lehrstück. Berlin 2015.

Darin zur Privatbibliothek George Meyers: Yong-Mi Rauch / Kathrin Woywood: Die medizinhistorische Privatbibliothek von George Meyer, S. 152-157.

ab 17.10.2018 Ringvorlesung zu Museen im Nationalsozialismus

Am Institut für Kunstgeschichte der TU Dresden startet am 17.10.2018 eine Ringvorlesung zum Thema "Museen im Nationalsozialismus".

Ausgehend von der Dresdner Situation, die derzeit im DFG-geförderten Projekt „Zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik – Museen im Nationalsozialismus. Die Staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in Dresden und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter“ erforscht wird, widmet sich die Ringvorlesung dem umfangreichen, von Ambiguitäten und Widersprüchen geprägten Themenkomplex der Museen im Nationalsozialismus.

Zeitplan und Programm finden Sie hier.

14.8.2018 Buchrückgabe an die Erben von Hedwig Hesse

1993 kaufte die SLUB Friedrich Freskas „Die Notwende“ von der Stadtbibliothek Berlin (BStB) an. Das darin enthaltene Exlibris von Hedwig Hesse gab Anlass zu Recherchen, da ein erhöhter Verdacht auf NS-Raubgut bestand.

Hedwig Hesse wurde am 08. Mai 1880 in Berlin als Hedwig Bachur geboren. Sie heiratete den am 30. Juli 1880 in Leipzig geborenen Max Hesse. Das Paar hatte drei Kinder: Peter, Susi und Walter. Die Hesses wurden in Deutschland als Juden verfolgt. Den Kindern gelang eine rechtzeitige Emigration nach Südafrika bzw. in die USA. Hedwig und Max Hesse wurden zusammen am 19. Januar 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet.

Neben der Verfolgungsgeschichte der Familie Hesse bestärkt die Provenienz „Stadtbibliothek Berlin“ den Verdacht, dass es sich bei dem Buch um NS-Raubgut handelt: 1943 kaufte die Stadtbibliothek Berlin ca. 40.000 Bücher deportierter Berliner Juden von der Pfandleihanstalt der Stadt Berlin an.

Ende August 2018 konnte die SLUB in einer gemeinsamen Restitution mit der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz insgesamt drei Bücher an die Großenkelin Hedwig Hesses zurückgeben.

01.08.2018 „Auf der Suche nach Bismarcks Erben“ - Ein Bericht in der Sächsischen Zeitung vom 30.07.2018

In der Printausgabe der Sächsischen Zeitung erschien am Montag, den 30. Juli 2018 ein Artikel über die Arbeit der ProjektmitarbeiterInnen des Raubgutprojektes. Berichtet wird unter anderem auch über den Fall der Familie Angel, die Restitution des Buches von Max Geyer und über das Vorgängerprojekt.

Der Artikel ist auch online verfügbar.

03.07.2018 Buchrückgabe an die Erben von Irene Kirschstein

In Otto Ernsts Jugend von heute zeigt das Autogramm „Irene Kirschstein“ seine ursprüngliche Besitzerin an: Rose Irene Kirschstein (1889–1973). Sie lebte mit ihrem Mann Hans (1881–1960) und den beiden Kindern Charlotte (1920–2008) und Peter (1922–?) in Dresden. Die Kirschsteins wurden als Juden verfolgt. Irene, Hans und Charlotte gelang 1939 die Emigration nach Bolivien, Peter wurde wahrscheinlich 1943 in Auschwitz ermordet.

Wir berichteten im März 2018 über den Raubgut-Fund. Letzte Woche konnte das Buch an die Enkel der Familie Kirschstein zurückgegeben werden, sodass es sich nun an seinem rechtmäßigen Ort befindet.

27.6.2018 Umbenennung des Vortragssaals der SLUB in „Klemperer Saal“

Seit heute trägt der Vortragssaal der SLUB den Namen „Klemperer Saal“ und erinnert damit an zwei für die Geschichte der Stadt Dresden wie für die SLUB bedeutende Persönlichkeiten. Neben dem Saal wurde eine Tafel zur Erläuterung der Namensgebung angebracht:

„Victor Klemperer (1881-1960), Sohn eines Rabbiners, hatte ab 1920 bis zu seiner Amtsenthebung durch die Nationalsozialisten 1935 den Lehrstuhl für Romanistik an der Technischen Universität Dresden inne. Eine der vielen Repressalien während der Diktatur war ein Benutzungsverbot der Sächsischen Landesbibliothek. Seit 1977 konnte die SLUB die Tagebücher Klemperers sowie weitere Dokumente der Familie übernehmen. Die Tagebücher 1933-1945 wurden in viele Sprachen übersetzt, dienten als Filmstoff und sind ein Standardwerk im Geschichts- und Deutschunterricht.

Nicht näher verwandt mit dem Romanisten war der Dresdner Bankier Victor Klemperer von Klemenau (1873-1943), dessen 1938 beschlagnahmte Büchersammlung, darunter 549 wertvolle Inkunabeln, in die Bibliothek gelangte. Aus den Ausweichdepots kamen nach Kriegsende lediglich 12 Inkunabeln zurück. 1991 wurde der verbliebene Rest der Sammlung Klemperer an seine Erben restituiert. Victor Klemperers Vater Gustav (1852-1926), Direktor der Dresdner Bank und ebenfalls ein bedeutender Sammler, war Förderer und Ehrensenator der Technischen Universität Dresden.“

Die Restitution an die Erben Victor Klemperers von Klemenau im Jahre 1991 haben wir hier ausführlich geschildert.

31.5.2018 Vorträge zum Thema NS-Raubgut und Provenienzforschung in Sachsen

Die Universitätsbibliothek Freiberg lädt am 31.5.2018 zu Vorträgen zum Thema NS-Raubgut und Provenienzforschung in Sachsen mit anschließender Gesprächsrunde ein.

Referieren werden Elisabeth Geldmacher, Mitarbeiterin unseres Projektes, die aus ihrer Masterarbeit zum Thema Provenienzforschung an sächsischen Bibliotheken berichten wird.

Der Provenienzforscher Robert Langer (bis April 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter im NS-Raubgutprojekt der Stadtbibliothek Bautzen) widmet seinen Vortrag u.a. dem spektakulären NS-Raubgutfund der verschollen geglaubten HERTIE-Bibliothek in der Stadtbibliothek Bautzen. Gleichzeitig stellt er sein neues Buch „Die Wege der geraubten Bücher“ vor, welches am 25. April 2018 erschienen ist.

Die Veranstaltung findet um 14 Uhr im Agricola-Saal statt. Weitere Informationen hier: blogs.hrz.tu-freiberg.de/ub/events/provenienz/

14.5.2018 Neuerscheinung: "Die Wege der geraubten Bücher" von Robert Langer

Wie kommt es, dass man noch heute Raubgut der Nationalsozialisten in öffentlichen Einrichtungen wie Bibliotheken findet? Wie konnte es so lange unentdeckt bleiben? Wie wurde es getarnt und wie kann man die verwischten Spuren lesen?

Diesen Fragen geht der Autor anhand der Büchersammlung des jüdischen Unternehmerehepaars Edith und Georg Tietz nach. Georg Tietz, Inhaber der Hermann Tietz Warenhäuser (HERTIE), rettete sich und seine Familie nach der „Arisierung“ über Liechtenstein in die USA ins Exil. Dort leben noch heute die Nachfahren.
Das Buch erzählt die Geschichte einer einst legendären Privatbibliothek. Es berichtet davon, wie die Sammlung enteignet, verwertet und verborgen wurde. Der Leser erfährt weiterhin, wie die Buchbesitzer 2016 in der Stadtbibliothek Bautzen identifiziert werden konnten und wie die Stadt heute mit der HERTIE-Sammlung umgeht.

Aus dem Vorwort von Regine Dehnel:
Die Stadtbibliothek Bautzen ist bis heute die einzige öffentliche, städtische Bibliothek, in der systematisch, im Laufe mehrerer Jahre, zur Herkunft von Büchern geforscht wurde … Die Publikation illustriert, wie gewinnbringend und bedeutsam Herkunftsforschung zu Büchern in einer Stadtbibliothek sein kann … Es ist erhellend und informativ für die Geschichte von Bibliotheken im Nationalsozialismus und in der DDR. Es ist anregend für all jene, die sich für die jüngere Geschichte Bautzens, Sachsens und der Sorben interessieren. Und es ist anrührend und bereichernd für alle, denen Bibliotheks- und Büchergeschichten und die damit verbundenen Schicksale von Menschen und Familien etwas bedeuten.

Robert Langer
DIE WEGE DER GERAUBTEN BÜCHER
Die Stadtbibliothek Bautzen und die HERTIE-Sammlung
96 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 20cm x 22cm, Broschur, 2018

ISBN 978-3-9814149-3-6
29,90 EUR - Hier bestellen.

8.5.2018 Gedenklesung: Die deutschen Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933

Die öffentlichen Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 bildeten den Höhepunkt der Aktion "Wider den undeutschen Geist", mit der die systematische Verfolgung oppositioneller und unliebsamer Schriftsteller im Dritten Reich begann. Unter Verlesung von "Feuersprüchen" wurden ihre Werke verbrannt. In Dresden fand die von der "Deutschen Studentenschaft" organisierte Bücherverbrennung nur unweit der Sächsischen Landesbibliothek- Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) an der Bismarcksäule statt.

Die SLUB wird am 9. Mai 2018 mit einer öffentlichen Lesung und Ausstellung einiger der verbrannten Bücher an diesen dunklen Tag deutscher Geschichte erinnern. Die Veranstaltung beginnt um 11 Uhr im Hauptfoyer, Zellescher Weg 18. Auch wir werden uns daran beteiligen und aus Heinrich MannsDer Untertan“ (1918), aus Max BrodsDie erste Stunde nach dem Tode. Eine Gespenstergeschichte“ (1916) und aus Emil Julius GumbelsVier Jahre politischer Mord“ (1922) lesen.

Eine vollständige Liste der verbrannten Bücher findet sich hier.

15.4.2018 Buchrückgabe an Erben von Max Geyer

Bereits im März haben wir über den NS-Raubgut-Fund in Georg Webers Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung berichtet: Anhand eines darin erhaltenen Autogramms ließ sich das Buch seinem Vorbesitzer Max Geyer (1918–1997) zugordnen.

Im Rahmen einer ergreifenden Gedenkveranstaltung für Salcia Geyer und ihre Familie am 15. April 2018 auf der Mathildenstraße in Dresden konnten wir das Buch nun an die Erben von Max Geyer zurückgeben. Der Enkelsohn von Salcia Geyer, Rabbi Michael Meyerstein, nahm es tief bewegt entgegen, weil es eines der wenigen erhaltenen Erinnerungsstücke seiner Dresdner Familie ist.

 

Jana Kocourek und Elisabeth Geldmacher übergeben das Buch an Rabbi Michael Meyerstein (Lukas-Paul Kretzschmar, Stolpersteine für Dresden e.V.“)

14.3.2018 Verlegung von 25 neuen Stolpersteinen in Dresden

Morgen am 15. März 2018 werden 25 weitere Stolpersteine in Dresden verlegt. Mit ihnen wird den Menschen gedacht, die im Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und/ oder ermordet wurden. Die 10 x 10 cm großen Betonquader mit Messingplatten, auf denen der Name und Worte der Erinnerung aufscheinen, werden vor den Wohnhäusern der einst dort Lebenden verlegt. Am Abend findet eine öffentliche Feierstunde zur Verlegung der 25 Stolpersteine in der Bibliothek Dresden-Neustadt (Königsbrücker Straße 26) statt.

 

Stolpersteine für Salcia, Cäcilie, Minna und Max Geyer in der Mathildenstraße 15 (Lukas-Paul Kretzschmar, Stolpersteine für Dresden e.V.)

 

Der Kölner Künstler Gunter Demnig fertigt und verlegt seit 1992 Stolpersteine. Inzwischen sind es mehr als 61.000 in ganz Europa. Dreden hat seit 2009 225 Steine erhalten.

Auch für Max Geyer und seine Familie wird mit neuen Stolpersteinen gedacht. Nachdem in einem Buch aus dem SLUB-Bestand ein Autogramm von Max Geyer identifiziert werden konnte, ist die Rückgabe für April 2018 in Vorbereitung.

12.3.2018 NS-Raubgut-Funde von Dresdner Juden

Im Jahr 1949 kamen Teile der Bibliothek eines entnazifizierten Gärtnereibesitzers in den Bestand der heutigen SLUB. 2015 konnten darunter Bücher identifiziert werden, die ursprünglich der Familie Berta und William Ernst Kaps aus Dresden gehörten. Dieser Fund ließ weitere Verdachtsfälle in dieser ehemaligen Privatbibliothek vermuten. Diesbezügliche Recherchen ergaben zwei weitere begründete Fälle von NS-Raubgut-Verdacht:

In Georg Webers Weltgeschichte in übersichtlicher Darstellung befindet sich ein Autogramm Max Geyers. Er wurde am 2. November 1918 in Dresden geboren. 1938 wurde Max Geyer nach Dachau deportiert und im Februar 1939 entlassen. Er konnte über England, wo er seine Frau Eva kennenlernte, in die USA emigrieren. Seine Mutter Salcia Geyer wurde am 20./21. Januar 1942 nach Riga deportiert, von dort am 5. November 1943 nach Auschwitz und ist dort vermutlich ermordet worden. Seinen beiden Schwestern Minna und Cecilie/Cäcilia gelang die Emigration nach England. 

Das Autogramm von Irene Kirschstein findet sich in dem Buch Jugend von heute von Otto Ernst.  Irene Brasch (* 14. Januar 1889 in Dresden) war die Tochter des Kaufmanns Moritz Brasch und dessen Frau Charlotte, geb. Feldmann. Sie heiratete 1919 den Dresdner Kaufmann Hans Kirschstein, Inhaber der Tapisseriefabrik Kirschstein & Co. GmbH, die 1938 arisiert wurde. Irene, Hans und ihrer Tochter Charlotte gelang die Emigration, Sohn Peter (geb. 1922) wurde in Auschwitz ermordet.

Die Schicksale dieser drei Familien können im Buch der Erinnerung weitergelesen werden. Die weiterhin in Exemplaren der ehemaligen Privatbibliothek vorhandenen Provenienzmerkmale weisen zumeist einen regionalen Bezug zu Dresden und seiner Umgebung auf. Ob weitere Verdachtsfälle auf NS-Raubgut dabei sind, sollen aktuelle Recherchen zeigen.

8.3.2018 Bücherverbrennung am 8. März 1933 in Dresden

Die erste öffentliche Bücherverbrennung nach der „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten fand am 8. März 1933 in Dresden statt. Am 7. März 1933 wurden die Volksbuchhandlung auf der Großen Meißner Straße und am 8. März 1933 die Redaktionsräume der sozialdemokratischen „Dresdner Volkszeitung“ gestürmt und geräumt. Ausgeführt wurde die Aktion von unter Polizeischutz stehenden SA-Truppen. Auf dem Wettiner Platz wurden anschließend Bücher und Schriften öffentlich verbrannt.

 

Bücherverbrennung vor dem Gebäude der Volkszeitung am Wettiner Platz in Dresden am 8.3.1933 (SLUB/Deutsche Fotothek)

 

Dieses Ereignis ging der inszenierten Kampagne "Wider den undeutschen Geist" in den Maitagen 1933 voraus, bei der vor allem am 10. Mai in deutschen Städten massenhaft Bücher verbrannt wurden, die der nationalsozialistischen Ideologie widersprachen. Vorbereitet wurde sie vom Hauptamt für Presse und Propaganda und der Deutschen Studentenschaft.

Das Buch besaß für die nationalsozialistische Diktaturdurchsetzung eine große Bedeutung: Einerseits wurden politisch opportune Autoren und Bücher gefördert, andererseits solche verfolgt und verboten, die als „marxistisch“, „staatsfeindlich“, „bolschewistisch“ und „zersetzend“ bewertet wurden. Das betraf pazifistische Autoren wie z.B. Friedrich Wilhelm Foerster, politische Autoren wie Walther Rathenau, aber auch Vertreter moderner Wissenschaften wie Sigmund Freud. Solche Autoren und ihre Bücher wurden als „unerwünscht“ erklärt.

Der Berliner Volksbibliothekar Wolfgang Hermann begann noch Anfang des Jahres 1933 mit der Zusammenstellung einer sog. Schwarzen Liste der „unerwünschten“ Literatur, die nach ihrer Veröffentlichung am 1. Mai 1933 Grundlage für die Bücherverbrennungen war. Sie diente aber auch als Basis für die Aussonderung solcher Werke aus Bibliotheken. In der Sächsischen Landesbibliothek wurde die „unverwünschte“ Literatur im Katalog besonders gekennzeichnet und für die Ausleihe gesperrt. Sie konnte nur nach Nachweis der „politischen Zuverlässigkeit“ eingesehen werden.

Hermanns erste Liste wurde immer wieder durch Einzelverbote ergänzt und war Vorläufer der „Listen des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“, die ab 1935 veröffentlicht wurden.

 

 

Karte des Alphabetischen Katalogs der SLB mit Büchern von Sigmund Freud. Der Autorname ist zur Kennzeichnung als Verfasser "unverwünschter Schriften" mit zwei Kreuzen markiert.

6.2.2018 Beutegut oder nicht?

Als sogenannten NS-Beutegut gelten Objekte, die während des Zweiten Weltkrieges in den von Deutschland besetzten Gebieten geraubt wurden: Frankreich oder die Niederlande, aber auch Osteuropa. Besonderes Augenmerk bei der Suche nach Raubgut gilt daher Merkmalen, die nicht deutschsprachig sind. In dem von dem Ökonomen Julius Lehr verfassten, 1895 in Leipzig erschienenen volkswirtschaftlichen Lehrbuch „Produktion und Konsumtion in der Volkswirtschaft“ gibt es insgesamt 18 verschiedene Provenienzmerkmale – fast ausschließlich russischer Bibliotheken. Eine der ersten Besitzkennzeichnungen dieses Buches dürfte eine Notiz (oder ein Autogramm) in kyrillischer Handschrift sein, die um 1904 eingetragen wurde.

Außerdem enthält es Stempel und Signaturen verschiedener Einrichtungen der Russischen Akademie der Wissenschaften (БИБЛИОТЕКА НАУЧО- ИССЛЕДОВАТЕЛЬСКАЯ ИНСТИТУТА), einer Journalisten-Bibliothek, vermutlich der Moskauer Universität, (Библиотека Шурналистов) oder der sogenannten Roten Professur (ЛЕНИНГРАДСКИЙ НСТИТУТ Красной Профессуры ВИВЛИОТЕКА).

Ein weitere Stempel weist darauf hin, dass diese Bücher vermutlich über einen  zentralisierten Büchertausch von einer Bibliothek in die nächste abgegeben wurden (Обменный Фонд Б-ки ЛОКА).

Die Rote Professur z.B. wurde 1921 mit dem Ziel gegründet, kommunistisches Lehrpersonal für die Universitäten auszubilden, um die bürgerlichen Wissenschaftler nach der Russischen Revolution abzulösen. 1938 wurde sie wieder aufgelöst. Danach könnten die Bücher ihrer Bibliothek in andere Einrichtungen abgegeben sein. Wie das Buch letztlich von Russland bis nach Dresden gelangt ist, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Vermutlich hat es einen Umweg über die Warschauer Stadtbibliothek (Biblioteka Publiczna m. st. Warszawy) genommen. Ein polnischsprachiger Stempel benennt zwar die Russische Nationalbibliothek in Leningrad als Vorbesitzer, könnte aber ein Tauschexemplar markieren. Ein Stempel der Warschauer Bibliothek trägt die Aufschrift „do obrotu rynkowego“, was wahrscheinlich den avisierten Verkauf des Buches anzeigen soll. Eventuell handelte es sich um eine Dublette oder wurde aufgrund seines Alters makuliert. Lehrs volkswirtschaftliches Buch ist demnach in den Antiquariatsbuchhandel gelangt, über den es die Sächsische Landesbibliothek 1991 erworben hat.

Trotz einer auffälligen Vielzahl von Stempeln russischer Bibliotheken wurde das Buch vermutlich nicht während des Zweiten Weltkriegs in Russland geraubt, sondern hat die 1.600 Kilometer zwischen St. Petersburg und Dresden als mehrfaches Tausch- und Kaufexemplar zurückgelegt.

Provenienzmerkmale erzählen die Wege und Geschichte von Büchern, selten tun sie es so schön und reichhaltig wie in diesem Exemplar.

8.1.2018 Unterstützung

Seit dem 1. Januar 2018 unterstützt uns nun ein neuer Kollege bei unserer Arbeit. Seine Aufgabe ist u.a. die Erstellung von Normdaten für Personen und Körperschaften (GND), die der Vernetzung von Informationssystemen dienen. Mithilfe der GND erfolgt z.B. der Nachweis von Vorbesitzern bei den in der Deutschen Fotothek dokumentierten Provenienzmerkmalen, die bei den unterschiedlichen Projekten der SLUB gefunden wurden – so bei einem Autogramm von Elsa oder Eva Angel oder einem Stempel der Berliner Jüdischen Gemeinde.

13.9.2017 Neues Projekt zur Identifizierung und Restitution von NS-Raubgut beginnt

Seit dem 1. September 2017 untersuchen zwei Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen die Erwerbungen der Landesbibliothek seit 1945 auf „NS-Raubgut“. Das einjährige Projekt wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg gefördert und dient der Identifizierung und Restitution von Büchern, die in der Zeit des Nationalsozialismus ihren Besitzern geraubt wurden, aber erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs in die Sächsische Landesbibliothek Dresden gelangt sind. Besonderes Augenmerk gilt Büchern jüdischer Vorbesitzer wie den Familien Angel und Kaps aus Dresden (siehe Beiträge vom 17.9.2015 und 13.1.2016), aber auch jüdischer Gemeinden oder sozialdemokratischer und kommunistischer Vereine.

13.01.2016 Nachfahrensuche zu E. Angel

Im Zuge der Recherche zu Provenienzen mit NS-Raubgut-Verdacht in den Zugängen nach 1945 konnte das Autogramm „E. Angel. Dresden A1. Mathildenstraße 15 I.“ mit Hilfe des Buches der Erinnerung der Familie Angel in Dresden zugeordnet werden. Da nach der Scheidung von Erich und Elsa Angel nur Elsa und die Tochter Eva in der Mathildenstraße wohnten, stammt der Besitzeintrag von einer der beiden Frauen.

Elsa/Else Angel (*31.12.1895, Glauchau) lebte nach der Scheidung im Haushalt der Mutter und war als Krankenpflegerin tätig. Sie musste in das „Judenhaus“ Maxstraße 1 und danach in das „Judenhaus“ Altenzeller Straße 41 ziehen. Eva Elisa Angel, die Tochter von Elsa und Erich Angel, wurde am 05.06.1924 in Dresden geboren. Sowohl Elsa und Eva als auch Erich wurden am 23./24.11.1942 in das „Judenlager Hellerberg“ in Dresden und von dort am 02./03.03.1943 nach Auschwitz deportiert, wo sie wahrscheinlich sofort ermordet wurden.

Dank der Hilfe des Stolpersteine e.V. in Dresden konnte Kontakt zu einem Nachfahren der Familie hergestellt werden. Die Recherchen werden fortgesetzt.

Siehe auch: Buch der Erinnerung. Juden in Dresden - deportiert, ermordet, verschollen - 1933–1945. Hg. vom Arbeitskreis Gedenkbuch der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V. Dresden 2006.

17.09.2015 Bücher der Familie Berta und William Ernst Kaps aus Dresden

William (Willi) Ernst Kaps (1872–1943) war der Sohn des Dresdner Klavier- und Flügelfabrikanten Ernst Kaps. Seine Frau Berta entstammte der seit 1884/1885 in Dresden ansässigen jüdischen Familie Beck. Bertas Mutter Aurelie Beck, geb. Simon (*1856), kam am 8. September 1942 in Theresienstadt ums Leben, wie auch Bertas Bruder, der Arzt Guido Beck (*1879). Berta und William Ernst Kaps lebten in Dresden auf der Kaitzer Straße 9. William Ernst Kaps besaß eine herausragende Büchersammlung, wovon die beiden Exlibris der Dresdner Künstler Fritz Kleinhempel und Georg Erler zeugen. Selbst kinderlos, hatte sich das Paar der Förderung junger Künstler verschrieben. Nach dem Tod ihres nichtjüdischen Ehemanns William Ernst im August 1943 hatte seine jüdische Witwe Berta keinen beschränkten Schutz mehr und wurde am 19. Oktober 1943 nach Auschwitz deportiert. Unter der Nummer 32456/1943 ist ihr Tod am 1. November 1943 im Sterbebuch Auschwitz dokumentiert. Die Bibliothek des Ehepaars wurde von der Gestapo beschlagnahmt. In der SLUB sind im Rahmen systematischer Provenienzrecherchen fünf Bücher aus der Sammlung ermittelt worden.Vielen Dank an den Stolpersteine Dresden e.V. für den Hinweis.

Siehe auch: Buch der Erinnerung. Juden in Dresden - deportiert, ermordet, verschollen - 1933–1945. Hg. vom Arbeitskreis Gedenkbuch der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dresden e.V. Dresden 2006.

27./28. April 2015: 3. Treffen des Arbeitskreises "Provenienzforschung und Restitution - Bibliotheken" in der SLUB

Am 27. und 28. April 2015 wird das 3. Treffen des Arbeitskreises  "Provenienzforschung und Restitution – Bibliotheken" in der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden stattfinden.

Der Arbeitskreis hat sich gebildet, um den fachlichen Austausch zum Arbeitsgebiet "Identifizierung von NS-Raubgut in öffentlichen Bibliotheken" bzw. "Provenienzforschung zu Büchern und Sammlungen von gedrucktem und ungedrucktem Schriftgut" in einem kleinen Rahmen und konzentriert auf praktische Fragen durchzuführen. Herzlich möchten wir Interessierte aus Bibliotheken, Archiven und Museen einladen, mit uns in den fachlichen Austausch zu treten. Das Programm wird rechtzeitig an dieser Stelle bekanntgegeben.

Für Fragen stehen wir Ihnen gern zur Verfügung, nehmen Sie einfach Kontakt zu uns auf.

 

November 2014: Provenienzmerkmale der SLUB online

Seit November 2014 sind 3.853 Bilder von Provenienzmerkmalen in der Deutschen Fotothek veröffentlicht. In den beiden Provenienzprojekten der SLUB (2009–2013) waren über 15.000 Bilder von Stempeln, Exlibris, Autogrammen entstanden. Seitens der Provenienzforschung wird immer wieder beklagt, dass die vielfach in Projekten gewonnenen Daten nicht der Allgemeinheit zur Verfügung stehen bzw. schlimmstenfalls ganz verschwinden. In einem ersten Schritt sind jene Besitzmerkmale bereitgestellt worden, die mit einem GND-Satz verknüpft sind. Es ist geplant, im Sinne eines freien Zugangs zu Forschungsdaten sukzessive alle Provenienzdaten zu veröffentlichen, um diese nachnutzbar zu halten. Zudem ist vorgesehen, die Merkmale mit dem zugehörigen Buchbestand im SLUB-Katalog zu verlinken.

September 2013: SLUB übergibt LostArt 751 Fundmeldungen von NS-Raubgut

Im Ergebnis des 2011 bis 2013 von der AfP in Berlin geförderten Projektes zur Suche nach NS-Raubgut in den Beständen der ehemaligen Sächsischen Landesbibliothek - heute SLUB - wurden LostArt 751 Fundmeldungen übermittelt, die nun in der zentralen Datenbank für NS-Raubgut zu recherchieren sind. Weitere 165 Fundmeldungen folgen in Kürze.

07.03.2013: SLUB übergibt NS-Raubgut an Nachkommen von Sigmund Waldes

Mehr als 70 Jahre nach der Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten haben in der vergangenen Woche 159 Bücher mit ihrer Rückgabe an die Erben von Sigmund Waldes (geb. 1877 in Prag, gest. 1961 in Maspeth/Long Island - USA) ihren Weg zu den rechtmäßigen Eigentümern gefunden.

Die Brüder Sigmund und Heinrich Waldes waren als Fabrikanten von Knöpfen mit Werkstätten in Prag, Dresden, Long Island und der Schweiz über Deutschland hinaus tätig und angesehen. Sigmund Waldes war seit 1908 einer der Gesellschafter des Werkes in Dresden, in der Kleinen Plauenschen Gasse Nr. 37/43. Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die nationalsozialistische Regierung in Deutschland war er nach Paris gegangen und später über Barcelona nach New York ausgewandert, wo er die dortige Filiale übernahm und zum Hauptsitz ausbaute. Sigmund Waldes starb 1961.

Begonnen hat der lange Weg der Bücher im Jahr 1938, als die Sammlung bibliophiler Drucke des 19. und 20. Jahrhunderts in Dresden beschlagnahmt und über einen Zwischenhändler im Jahr 1941 an die Sächsische Landesbibliothek verkauft wurde. Mehr als sechs Jahrzehnte später, im Jahr 2001, nutzte die SLUB das Portal http://www.lostart.de/, um die Existenz der Sammlung in der Rubrik Fundmeldungen anzuzeigen, und berichtete in der Fachpresse über die Sammlung im Kontext schon erfolgter Rückgaben jüdischen Eigentums. (http://slubdd.de/katalog?TN_Saebi-Test25241604X)

Ein Kontakt zu den Erben kam erst Jahre später durch einen in Berlin lebenden amerikanischen Bürger zustande, der über diesen Aufsatz und den Eintrag in Lostart.de aufmerksam wurde. Durch diesen Kontakt ist es der SLUB nunmehr möglich, in Entsprechung der Grundsätze der Washingtoner Konferenz aus dem Jahr 1998 in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden ("Washington Principles") diese Bücher aus dem jüdischen Eigentum von Sigmund Waldes zu restituieren. Die Übergabe fand in der vergangenen Woche an die Vertreter der Erben in den Räumen der SLUB statt.

08.05.2012: NS-Raubgut aus Österreich

In den Beständen der SLUB konnten zwei neue Fälle von NS-Raubgut nachgewiesen werden.

Es handelt sich in einem Fall um Exemplare aus den Privatbibliotheken von Victor Adler und Engelbert Pernerstorfer, die in den 1920er Jahren von der Sozialwissenschaftlichen Studienbibliothek der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien (heute Arbeiterkammer Bibliothek Wien für Sozialwissenschaften) erworben wurden. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 wurden die Arbeiterkammer und deren Bibliothek aufgelöst, die Bücher bis auf wenige Reste verstreut.

Der andere Fall gehört in den Bereich des Entzugs von Privatvermögen. Fernand Raoul Jellinek-Mercedes geriet im Jahr 1938 in das Visier der Nationalsozialisten. Die neuen Machthaber erhöhten immer weiter den Druck auf den "Juden" Jellinek-Mercedes, der vergeblich versuchte sein Vermögen zu erhalten. Er war schließlich gezwungen, Kunst und Bibliotheksbestände aus seinem Privatbesitz zu verkaufen.  Im Februar 1939 hielt Jellinek-Mercedes dem unmenschlichen Druck nicht mehr stand und ging in den Freitod.

Pressemitteilungen

12.12.2011: SLUB übergibt NS-Raubgut an Nachkommen der Familie Steinthal

Die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) hat mit der Rückgabe von Büchern an die Erben der Bankiersfamilie Steinthal einen weiteren Bestand von NS-Raubgut an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben. Unter dem nationalsozialistischen Regime wurden die jüdischen Familien systematisch entrechtet und deren beschlagnahmter Besitz entweder verkauft oder an öffentliche Einrichtungen übergeben.

Dies ist die dritte umfangreichere Rückgabe der SLUB Dresden nach der Rückgabe der Sammlung des jüdischen Bankiers Victor von Klemperer von Klemenau und der Autographensammlung des jüdischen Musikverlegers Henri Hinrichsen. 

Seit Oktober 2011 werden die vor einigen Jahren begonnenen systematischen und aufwändigen Herkunftsermittlungen (Provenienzforschungen) durch den Bundesbeauftragten für Medien und Kultur im Bundeskanzleramt gefördert, damit diese notwendige Aufarbeitung in den nächsten zwei Jahren abgeschlossen werden kann.

Den Erben der Familie Max (1850-1940) und Fanny Steinthal (1866-1941) wurden 115 unrechtmäßig erworbene Bücher am 9. November 2011 übergeben. Max Steinthal war zunächst als Direktor und bis zu seinem vom NS-Regime erzwungenen Ausscheiden 1935 im Aufsichtsrat der Deutschen Bank tätig. Die Eheleute hatten eine bedeutende Kunstsammlung aufgebaut. Sie starben innerhalb eines Jahres in einem Berliner Hotel, in dem sie auf ihre Ausreisemöglichkeit warteten. Fanny Steinthal bestimmte in ihrem Testament den noch in Deutschland lebenden Sohn Erich Steinthal, die nach Peru ausgewanderte Tochter Eva Vollmann sowie deren damaligen nichtjüdischen Ehemann Richard Vollmann als Erben.

Vollmann, der wohl auch nach der Scheidung von seiner Frau den Steinthals freundschaftlich verbunden blieb, lagerte später wegen der beginnenden Bombardements auf Berlin die  Steinthal’sche Kunst- und Büchersammlung in seine Villa nach Dresden aus. Zu Beginn der 1950er Jahre floh Vollmann dann in die Bundesrepublik und der Besitz des „Republikflüchtigen“ wurde eingezogen. Auf diesem Weg gelangten die Bücher über den Rat der Stadt Dresden an die damalige Sächsische Landesbibliothek.

Mit den Büchern werden den Familienerben wichtige Erinnerungsstücke zurückgegeben; zugleich wird an das doppelte Unrecht der Enteignung und Beschlagnahmung erinnert.

Nachrichten zum Thema NS-Raubgut

2. Dezember 2011: Pressemitteilung der Bundesregierung

Kulturstaatsminister Bernd Neumann: Mittel für die Provenienzrecherche werden verdoppelt

27. November 2011: NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek Leipzig

Am 27. November 2011 eröffnete in der Bibliotheca Albertina eine Ausstellung, die die Ergebnisse des seit zwei Jahren laufenden Projektes zur Suche nach NS-Raubgut in den Beständen der Universitätsbibliothek dokumentiert.