NS-Raubgut in der SLUB

Nach der Machtübernahme im Frühjahr 1933 leiteten die Nationalsozialisten unverzüglich Maßnahmen zur Ausschaltung ihrer Gegner ein. Verfolgt wurde jeder, der in politischem, rassischem, religiösem und weltanschaulichem Gegensatz zum Regime stand. In der 13-jährigen Schreckensherrschaft eigneten sich die NS-Machthaber durch Raub neben anderen Vermögenswerten auch eine Unzahl an Bibliotheksgut an. Gegnerisches Schrifttum wurde beschlagnahmt, zerstört oder gesammelt: von NS-Stellen selbst sowie von ausgewählten wissenschaftlichen Bibliotheken, in der Regel den großen Landes- und Universitätsbibliotheken. Zu diesem Kreis gehörte auch die Sächsische Landesbibliothek Dresden, die Vorgängerin der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB).

Neben den Zuweisungen aus den staatlichen Sicherheitsstellen gelangten auch Bücher von der Reichstauschstelle, die vor allem im Zweiten Weltkrieg große Bestände an geraubten in- und ausländischen Buchbeständen verteilte, sowie aus dem Antiquariatshandel in die Sächsische Landesbibliothek.

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges erlitten die deutschen Bibliotheken große Verluste. Wie andere Bibliotheken war auch die Dresdner Landesbibliothek bestrebt, ihre Bestandslücken zu ergänzen: durch als „herrenlos“ geltende Bücher und Altbestände, die sich nach Kriegsende in Sammelstellen oder Bibliotheken befanden und durch verschiedene Einrichtungen der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR gesichert und weiterverteilt wurden. Darin enthalten waren auch Bücher, die heute als NS-Raubgut bewertet werden.

Solche unrechtmäßigen Erwerbungen zu ermitteln, zu dokumentieren und zu restituieren, ist Anliegen der einzelnen Provenienzprojekte, die die SLUB durchführt. Sie bekennt sich damit zu ihrer eigenen Vergangenheit innerhalb des beschämendsten Abschnitts deutscher Geschichte.

Die Grundlage der Raubgut-Projekte der SLUB bildet die systematische Recherche in den Beständen: Jedes einzelne Buch der Zugangsjahre 1933 bis 1990 wurde in die Hand genommen – autoptisch geprüft – und die darin vorhandenen Provenienzmerkmale dokumentiert. Insgesamt wurden auf diese Weise rund 320.000 Bücher überprüft. Sie sind die wichtigsten Indizien, wenn es um die Bewertung geht, ob es sich bei einem Buch um Raubgut handelt oder nicht. Hinweise, die den Verdacht auf NS-Raubgut nahelegen, finden sich auch in den erhaltenen Zugangsbüchern der SLB: Wenn als Herkunft „Gestapo“ oder „Reichstauschstelle“ vermerkt wurde, ist dies höchst verdächtig. Dies gilt auch für einige Vertreter des Antiquariatshandels, wie jüngere Forschungen belegen. Darüber hinaus wurden durch die Zerstörung der Räume der SLB im Japanischen Palais im Frühjahr 1945 große Teile der Bibliotheksakten vernichtet, wodurch sie die hausinterne Quellenlage insgesamt schwierig gestaltet.