Rückgabe von NS-Raubgut: SLUB und Bibliothek der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg übergeben Bücher an Erben von Gustav Langendorf

Im Zuge des NS-Raubgut-Projektes konnte ein Buch aus dem Eigentum des Kaufmanns Gustav Langendorf im Bestand der SLUB identifiziert werden. Der aus Prag stammende Langendorf wurde als Jude verfolgt und 1942 über das Konzentrationslager (KZ) Theresienstadt in das KZ Treblinka deportiert und dort ermordet. Im Dezember 2021 gab die SLUB gemeinsam mit der Bibliothek der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg insgesamt drei Bücher an seine Erben zurück.

 

Spiegel mit Exlibris Gustav Langendorf und Vorsatzblatt mit ungültigem Besitzstempel des Vorbesitzers, In: Max Brod, Weiberwirtschaft. Leipzig, 1917. Dresden: SLUB 28.8.4774 (SLUB/Deutsche Fotothek, df_dat_0018099)

In Max Brods Weiberwirtschaft fanden die Mitarbeiter:innen des NS-Raubgut-Projektes ein als Radierung ausgeführtes Exlibris mit dem Namen Gustav Langendorf sowie einen gleichlautenden Namenszug. Das Exlibris zeigt eine auf einem Bücherstapel sitzende Person, sinnierend über einen in den Händen haltenden Totenschädel gebeugt. Auch in der Bibliothek der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg entdeckte der Provenienzforscher Philipp Zschommler bei der Suche nach Raubgut in zwei Bänden ein identisches Exlibris und einen vergleichbaren Namenszug. Sie stammen jeweils aus Zugängen seitens der ehemaligen Tschechoslowakei, wo seit Kriegsende große Bücherbestände vom Raubmord an der jüdischen Bevölkerung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ zeugen.

Gustav Langendorf und viele seiner Familienmitglieder wurden Opfer der deutschen „Endlösung“. Seine Frau Olga starb bereits 1939. Zwei der vier Kinder wanderten schon in den 1930er Jahren in die USA aus und entkamen dem Terror. Die Briefe, die Gustav Langendorf an die Kinder in die USA geschrieben hatte, sind bisher die einzigen materiellen Zeugnisse, die den heutigen Enkel:innen noch vorliegen. Sie stammen aus der Zeit der deutschen Besatzung der Tschechoslowakei und behandeln unverfängliche Themen, um der Zensur und Bestrafung zu entgehen. Somit kann nur aus wenigen fragmentarischen Sekundärquellen der Versuch unternommen werden, Gustav Langendorfs Lebensweg nachzuzeichnen.

Olga und Gustav Langendorf, Prag 1930er Jahre (Slg. Langendorf, Chicago)

Am 9. November 1872 wurde Gustav Langendorf als jüngstes von sieben Kindern und Sohn von Klara, geb. Burger, und Simon Langendorf geboren.  Die Trauung von Klara und Simon wurde im Jahr 1858 durch den Prager Oberrabbiner Salomon Leib Rapoport durchgeführt. Vor dem Ersten Weltkrieg wird Langendorf Gesellschafter der Firma Schück, Katz & Co. Alexander Schück hatte das Bestreben, die Herstellung von Brot in Böhmen auf ein industrielles Niveau zu bringen und fand mit Gustav Langendorf einen Teilhaber in dem seit 1912 firmierenden Betrieb „Odkolek, Aktiengesellschaft, Dampfmühle und Brotfabrik“. In diesem Rahmen wurden nicht nur Mehle (und auch Fette) aus Übersee importiert, sondern auch Abkommen mit ortsansässigen Mühlen geschlossen. Auch privat wurde zwischen den befreundeten Familien eine Verbindung geschaffen. Gustavs Sohn Fritz ehelichte Alexander Schücks Tochter Marianne. Vermutlich seit den frühen 1920er Jahren war Gustav Langendorf Mitglied und zeitweise Präsident der Loge „Praga“ des Ordens B’nai B’rith.  In dieser Funktion organisierte er Spendenaktionen, etwa für das Asyl für mittellose kranke Israeliten in Meran oder das Israelitische Waisenmädchenhaus in [Prag-] Weinberge/Vinohrady. In den Aufzeichnungen des Ordens finden sich zudem einige Titel von Vorträgen, die Langendorf gehalten hatte und die seine vielseitigen Interessen wiedergeben („Über Henry Ford“, „Kulturströmungen im Osten“, „Über unsere Pflicht: Aufklärend auf die Menschheit zu wirken“, „Josef Klausners Buch „Jesus von Nazareth““). Bezüglich des in Dresden aufgefundenen Buches von Max Brod bestätigten die Nachkommen eine große Leidenschaft der Familie für Literatur und Musik, aber auch konkret eine Vorliebe für Max Brod. Im Jahr 1937 hält Sohn Fritz (1944 in Auschwitz ermordet) einen Logenvortrag mit dem Titel „Musik der letzten fünfzig Jahre (mit Schallplatten)“.

Die Familie Langendorf besaß in Prag mehrere Liegenschaften. 1928 lässt sie sich in einem repräsentativen Anwesen am Moldauufer in Prag-Smichow nieder. Kurz vor der Machtübernahme Hitlers erwirbt Gustav Langendorf ein Mietshaus in Berlin-Charlottenburg – 1941 muss er die Immobilie verkaufen und der Erlös wird vom Deutschen Reich eingezogen. Vom September 1941 datiert ein protokollierter Vorgang, gemäß dem Langendorf mit der Begründung polizeilich verhört worden war, seinen Davidstern mit dem Ellenbogen verdeckt zu haben. Noch nach dem Einmarsch der Deutschen ins Sudentenland infolge des Münchner Abkommens war sich Langendorf sicher, dass Prag unberührt bleiben würde – so die Erinnerungen seiner Nichte. Im Juli 1942 wird er mittellos nach Theresienstadt deportiert. Wir wissen nicht, ob er die in Dresden und Heidelberg aufgefundenen Bücher im Gepäck hatte, oder ob sie über die einziehende „Treuhandstelle“ in Prager Depots das Kriegsende überdauert haben. Dreieinhalb Monate nach seiner Ankunft in Theresienstadt wird Gustav Langendorf nach Treblinka überführt und dort ermordet.

Exlibris Gustav Langendorfs, gefertigt von Margaret(he) Leonie Pollak (SLUB/Deutsche Fotothek, df_prov_0012705)

Das Exlibris selbst ermöglichte den Beleg, dass es sich bei seinem Eigner um den Prager Gustav Langendorf handelte. Am unteren Rand der Radierung finden wir den Namen M. L. Pollak. Nach einer falschen Fährte (Max Pollak) konnte Margaret(he) Leonie Pollak als Künstlerin identifizier werden. Über sie ist wenig bekannt. Sie war als Künstlerin in Berlin und München tätig und hatte ein Atelier am Tyl-Platz in Prag-Weinberge. Im selben Haus wohnte ihr Bruder, der Arzt Leo A. Pollak. Der Kunstverein für Böhmen veranstaltete unter anderem eine Ausstellung deutscher Malerinnen, bei der auch Pollak vertreten war. Sie heiratete 1931 Emilio Gronich in Meran. Vor den einsetzenden Deportationen aus Südtirol flüchtete sich das Paar mit ihrem Sohn Luigi in die Schweiz. Nach Kriegsende kehrte die Familie nach Italien zurück.

Nicht nur der Wohnort der Künstlerin in Prag-Weinberge, wo auch die Langendorfs zeitweise lebten, macht eine gegenseitige Bekanntschaft plausibel. Auch die Tatsache, dass Langendorfs Teilhaber Alexander Schück ein großzügiger Mäzen der Prager Kunstszene war, weist darauf hin. Schücks Sohn Arnold war mit der Bildhauerin Mary Duras verheiratet, die zeitgleich mit Pollak in Prag künstlerisch tätig war.

Stempel des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes – Landesvorstand Sachsen (SLUB/Deutsche Fotothek, df_prov_0001486)

Das Zugangsbuch der Sächsischen Landesbibliothek (SLB) aus dem Jahr 1954 weist keine Angaben zum Lieferanten des Buches auf. Der ebenso im Buch enthaltene Stempel des Landesvorstandes Sachsen des FDGB lässt vermuten, dass es sich dabei um den Lieferanten an die SLB handelt. Für das Zugangsjahr 1954 findet sich ein größerer Zugang mit dem FDGB-Stempel. Auf diese Exemplare verteilen sich ca. 80 Parallelprovenienzen, die auf tschechische oder österreichische Holocaust-Opfer hinweisen. Bisher war es möglich, drei Vorbesitzer:innen eindeutig zu identifizieren und deren Bücher an die Erbengemeinschaften zu restituieren: Ilse Weber, Ernst Kalmus, Otto Bondy. Trotz der Lücke in der Provenienzkette ist das in der SLUB identifizierte Buch aufgrund der Verfolgung und Ermordung seines Eigentümers Gustav Langendorf als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut zu bewerten.

Die Recherchen zu Gustav Langendorf und dem historischen Entzugskontext der Bücher erfolgten zum Großteil durch Philipp Zschommler, Provenienzforscher der Bibliothek der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Er unterstützte uns sehr bei der Recherche sowie dem Kontaktaufbau zu den Enkeln Gustav Langendorfs. Wir möchten uns an dieser Stelle bei ihm für die kooperative Fallrecherche bedanken und freuen uns, dass wir in einer gemeinsamen Restitution im Dezember 2021 die insgesamt drei Bücher an die Erbengemeinschaft aushändigen konnten.

Zum Weiterlesen:

Gustav Langendorf (Prag 1872 – Treblinka 1942), https://www.hfjs.eu/provenienzforschung/restitutionen-langendorf.html.

Philipp Zschommler, Gustav Langendorf (1872–1942) aus Prag und eine kooperative Spurensuche in Dresden und Heidelberg, In: Retour. Freier Blog für Provenienzforschung, 14.04.2021, https://retour.hypotheses.org/1544.

Philipp Zschommler, NS-Raubgut an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Die Provenienz im Nachlass des Rabbiners Emil Davidovic. In: Bibliotheksdienst 2020; 54 (10-11), S. 793-804,

https://doi.org/10.1515/bd-2020-0093.

 

Die restituierten Bücher:

Anton Kuh, Juden und Deutsche, Berlin 1921.

Otto Hauser, Geschichte des Judentums, Weimar 1921.

Max Brod, Weiberwirtschaft, Leipzig 1917.